
Was macht ein Schachgenie aus – sein Gedächtnis, seine Erfahrung oder die Fähigkeit, im entscheidenden Moment etwas zu sehen, das allen anderen entgeht? In den Partien großer Meister bleibt ein Teil ihres Denkens erhalten: Wir können ihre Ideen nachspielen, ihre Entscheidungen hinterfragen und auch Jahrzehnte später noch von ihnen lernen. Doch was wäre, wenn sich nicht nur ihre Züge bewahren ließen, sondern eines Tages auch ihre Erinnerungen und ihre Persönlichkeit? Wäre das noch derselbe Mensch – oder nur eine erstaunlich überzeugende Kopie?
Auch abseits digitaler Gedankenexperimente stellt sich die Frage, wie eng unsere Identität mit unserem Körper verbunden ist. In einem Interview mit futurezone vom 4. Juli 2016 kündigte der Neurochirurg Sergio Canavero eine umstrittene Kopftransplantation an und verband seine Pläne mit der Hoffnung auf Lebensverlängerung bis hin zur Unsterblichkeit [1]. Der Artikel dokumentiert seine damaligen Vorstellungen und die Kritik daran – keinen Nachweis, dass sich diese Versprechen erfüllen lassen.
Einen anderen Blick auf die Frage nach Veränderung und Beständigkeit eröffnet ein WELT-Artikel vom 24. August 2005 über die Erneuerung von Körperzellen [2]. Schon dort wird zwischen unterschiedlichen Zelltypen unterschieden: Nicht alle werden im gleichen Rhythmus ersetzt, manche bleiben besonders lange erhalten. Daraus folgt weder ein vollständiger Neustart des Körpers alle sieben bis zehn Jahre noch ein Beleg für die Verjüngung eines Gehirns durch einen jüngeren Körper. Als Gedankenanstoß bleibt aber spannend: Was macht uns über die Jahre zu derselben Person, obwohl sich unser Körper verändert?
Wäre eine solche digitale Kopie eine Form von Unsterblichkeit? Vielleicht können wir auf diese Weise Genies „a la Einstein, Steinitz, Fischer (uvm.)“ erhalten? Oder halten wir dann am Ende doch nur desorientierte Organismen am Leben, die nicht mehr mit uns kommunizieren oder gar träumen (Anspielung auf den Film „Die Stadt der verlorenen Kinder“) können? Wo wir doch schon (so) weit mit „Virtual Reality“ vorangeschritten sind und die Technik noch nicht ansatzweise vollständig erforscht haben: Könnte es sein, dass wir schon selbst Teil einer „Computersimulation“ sind? Physiker Stephen Hawking sowie Tesla Chef Elon Musk seien davon überzeugt, dass die Chance sehr gering sei, dass wir nicht in einer Simulation lebten [3]. Schließlich könne man keinen Beweis finden, der die Simulation widerlege, da er selbst simuliert sein könne! Nun stellt euch vor ihr existiertet und man nähme euch nacheinander die Sinne weg. Entwickeltet ihr dann eure eigene Fantasiewelt? Was bliebe euch übrig, da ihr euer eigenes Ende nicht erzwingen könntet. Es gibt dutzende Bücher darüber, dass wir nur ein großes Bewusstsein seien, oder die Kraft besäßen Dinge mit Gedanken anzuziehen. Wie denkt ihr ethisch darüber? Seid ihr überzeugt davon, dass ihr real seid?
[1] https://futurezone.at/science/kopftransplantationen-sollen-menschen-unsterblich-machen/206.728.288[2] https://www.welt.de/print-welt/article160647/Koerperzellen-sind-sieben-bis-zehn-Jahre-alt.html[3] http://www.independent.co.uk/life-style/gadgets-and-tech/news/elon-musk-ai-artificial-intelligence-computer-simulation-gaming-virtual-reality-a7060941.html

Eine interessante Ansichtsweise! Doch wie würde man es damit vereinen, sterben zu müssen? Würde man sich selbst eine Fantasiewelt mit so vielen Grausamkeiten überlegen?
Grüße, Karl!
Das ist eine spektakuläre Ansichtsweise. Auch ich habe viel Phantasie wie Du weisst. Ich stelle die Gegenfrage von Karl: Würde man sich selbst eine Phantasiewelt mit allen nur erdenklichen Möglichkeiten wünschen?
Gruss Uwe